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Wehrdienst und Gewissen: Wie Kirchen jungen Menschen Orientierung geben

Wehrdienst, Gewissen und Glaube: Wie evangelische Kirchen junge Menschen bei der Entscheidung für oder gegen den Wehrdienst begleiten und beraten.

Redaktion
·
31. Oktober 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 2 Tagen

Eine Frage, die plötzlich sehr nah ist

Post von der Bundeswehr im eigenen Briefkasten – für viele junge Menschen in der Region ist das gerade keine abstrakte Nachricht mehr, sondern ein Moment, der zum Nachdenken zwingt. Seit dem 1. Januar gilt der neue Wehrdienst, und wer in den kommenden zwölf Monaten 18 wird, bekommt von der Bundeswehr einen Fragebogen zugeschickt, der Bereitschaft und Fähigkeit zum Dienst abfragt. Für junge Männer ist das verpflichtend, für andere Geschlechter freiwillig. Der Dienst selbst ist aktuell freiwillig, eine Wehrpflicht ist noch nicht beschlossen – aber die Bundeswehr will in den nächsten Jahren 80.000 neue Soldatinnen und Soldaten gewinnen. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass diese Fragen wieder so konkret im eigenen Alltag auftauchen?

Wie indeon.de berichtet, ist die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in diesem Jahr stark gestiegen: Allein von Januar bis August 2026 haben mehr als 12.000 Menschen einen solchen Antrag gestellt, wie Zahlen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben zeigen, die das Redaktionsnetzwerk Deutschland angefragt hat. Die Anträge reichen übrigens auch Menschen ein, die noch nie gedient haben.

Wenn der Staat plötzlich fragt: Willst du das?

Lange war der Wehrdienst für viele junge Menschen ein Thema am Rand des eigenen Lebens. Das hat sich geändert, spätestens seit der Krieg in der Ukraine Fragen von Frieden, Sicherheit und Verteidigung zurück in den Alltag geholt hat. Plötzlich stehen ganz persönliche Fragen im Raum: Will ich das überhaupt? Passt das zu mir? Und was bedeutet eine solche Entscheidung für mein Leben?

Genau hier setzen evangelische Kirchen an. Laut indeon.de haben etwa die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck rund 20.000 junge Mitglieder angeschrieben, die bald volljährig werden – also genau die Gruppe, die auch Post von der Bundeswehr bekommt. Mit einer Postkarte verweisen die Landeskirchen auf eine eigene Informations-Website und auf persönliche Beratungsangebote. Der Ansatz dabei: keine Vorgaben, kein Druck, sondern Orientierung.

Eine Entscheidung, die Zeit braucht

Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf ist Seelsorgerin und Referentin für Friedensarbeit im Zentrum Oekumene der beiden Landeskirchen und berät junge Menschen, Reservisten und Soldaten zur Kriegsdienstverweigerung. Ihre Beobachtung, wie indeon.de berichtet: Eine Entscheidung für oder gegen den Wehrdienst braucht Zeit – und Menschen, mit denen man darüber sprechen kann. Die Perspektiven, die ihr dabei begegnen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Manche sehen im Wehrdienst eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und etwas für die Gesellschaft zu tun. Andere haben Angst davor, im Ernstfall eingezogen zu werden. Wieder andere lehnen Gewalt grundsätzlich ab. Die meisten bewegen sich irgendwo dazwischen.

Es geht dabei nicht um eine rein formale Entscheidung. Junge Menschen müssten eine ganze Gemengelage aus Gefühlen, Pflichten und Rechten für sich innerlich sortieren, sagt Müller-Langsdorf. Fragen von Frieden und Gewalt berühren eben auch das Gewissen.

Beratung ohne Bewertung

Genau hier setzen die kirchlichen Angebote an. Auf der von den Landeskirchen eingerichteten Website gibt es Informationen zum Wehrdienst, aber auch zu Alternativen wie Freiwilligendiensten oder zur Kriegsdienstverweigerung. Dazu kommen Videos, Materialien und vor allem Gesprächsangebote. Fachleute aus Friedensarbeit und Jugendarbeit stehen bereit, um zuzuhören und Fragen zu klären – ohne Erwartung, ohne Bewertung. Die evangelische Kirche sieht laut ihrer eigenen Mitteilung beide Wege, militärisch wie zivil, als mögliche Beiträge zum Frieden.

Dass dieses Spannungsfeld längst auch in Bildungseinrichtungen angekommen ist, zeigt eine Fortbildung des Evangelischen Schulreferats und des Katechetischen Instituts in Aachen. Unter dem Titel „Wehrdienst, Gewalt und Friedensethik – ein Dilemma im Religionsunterricht“ ging es dort um die Frage, wie Lehrkräfte Schülerinnen und Schülern helfen können, sich in genau diesem Spannungsfeld zu orientieren: zwischen Sicherheit, individueller Verantwortung, Gewalt und Gewaltlosigkeit. Die Fortbildung bot dafür praxisnahe Bausteine für Unterricht und Schulseelsorge – von Dilemma-Geschichten bis zu Methoden der Urteilsbildung – mit dem Ziel, dass junge Menschen unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und sich einer eigenen, begründeten Haltung annähern können.

Was bleibt

Ob am Küchentisch, im Religionsunterricht oder im Gespräch mit einer Seelsorgerin – die Frage nach Wehrdienst und Gewissen lässt sich nicht an einem Nachmittag klären. Sie braucht Räume, in denen man laut denken darf, ohne gleich eine fertige Antwort liefern zu müssen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft hinter all den Beratungsangeboten: Niemand muss diese Entscheidung allein treffen. Wer gerade selbst grübelt, findet in der Region Ansprechpartner – und Zeit, die Gedanken zu sortieren, bevor der Fragebogen zurückgeschickt wird.

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