
Wie gelingt Inklusion im Arbeitsalltag wirklich? Bei „Fachkraft Inklusiv“ in Neuwied zeigten Betriebe und Beschäftigte konkrete Beispiele aus der Praxis.
Wie fühlt sich eigentlich ein Arbeitsplatz an, an dem jeder Mensch mitmachen darf, egal mit welchen Voraussetzungen? Diese Frage klingt groß, aber die Antwort fängt oft klein an: bei einem offenen Team, bei einem Chef, der Mut zeigt, bei einer Kollegin, die einfach ihren Job macht. Genau darum ging es bei der Veranstaltung „Fachkraft Inklusiv“, die am 27. Oktober im Berufsbildungswerk Neuwied stattfand. Rund 70 Interessierte aus Unternehmen und Institutionen kamen zusammen, um zu hören, wie Inklusion im Betriebsalltag tatsächlich gelingen kann.
Organisiert hatten den Abend die Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald und das Heinrich-Haus. Die Schirmherrschaft übernahm Elmar Wagner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald. Wie der NR-Kurier berichtet, machte Wagner in seinem Grußwort deutlich, worum es im Kern geht: Ein inklusiver Arbeitsmarkt bedeutet Chancengleichheit für Menschen mit und ohne Behinderung. Bis dahin sei es noch ein weiter Weg, sagte er, vor allem müssten Barrieren im Denken abgebaut werden.
Was bedeutet das konkret? Bei der Veranstaltung erzählten Betriebe und Beschäftigte aus erster Hand, wie ihr gemeinsamer Arbeitsalltag aussieht. Markus Dreydoppel arbeitet an zwei Tagen in der Woche bei der Neuwieder Stadtverwaltung und in der Volkshochschule. Er berichtete, dass ihm die offene Haltung im Team geholfen habe, sich schnell einzuarbeiten. Bürgermeister Peter Jung, der ihn eingestellt hatte, betonte, wie wichtig ihm nachhaltige und authentische Stellen seien. Die Verwaltung habe genau überlegt, wie sich Arbeitsplätze mit echten, regulären Aufgaben schaffen lassen, und sei diesen Schritt gleich mit zwei Personen gegangen. Das tägliche Ergebnis, so Jung, bestätige, dass die Entscheidung richtig war.
Sophia Kirst ist seit fast einem Jahr Teil des hauswirtschaftlichen Teams der städtischen Kindertagesstätte Rommersdorf. Sie bereitet Mahlzeiten vor, faltet Wäsche und mag besonders den Kontakt zu den Kindern. Ihre Mutter Marita Kirst sagte, die Tochter habe dadurch ihren Blickwinkel erweitert und sei glücklich. Der stellvertretende Einrichtungsleiter Björn Ulbricht ergänzte, Kirst sei längst fester Bestandteil der Belegschaft, übernehme Verantwortung und bereichere das Team spürbar.
Dass solche Wege im Betriebsalltag reibungslos funktionieren, liegt laut Bürgermeister Jung maßgeblich an der Unterstützung durch das Heinrich-Haus. Integrationsbegleiter Michael Jablonski ist dort fester Ansprechpartner für Arbeitgeber und betreut den gesamten Prozess. Sein Wunsch: mehr Betriebe, die sich trauen, diesen Weg zu gehen, denn er zahle sich aus, wie er bei der Veranstaltung deutlich machte.
Frauke Pischl, Leiterin des Bereichs Berufliche Bildung und Integration im Heinrich-Haus, brachte es am Ende auf den Punkt: Gelebte Inklusion beginne mit der Bereitschaft, Menschen vorurteilsfrei zu begegnen, ihre Fähigkeiten wahrzunehmen und gemeinsame Potenziale auszuloten. Gemeinsam mit Mario Dieninghoff, Teamleiter für Berufliche Rehabilitation und Teilhabe bei der Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald, hatte sie den Abend eröffnet. Im Anschluss an die Diskussionsrunde tauschten sich die Teilnehmenden beim Ausklang im Freizeitforum des Berufsbildungswerks weiter über betriebliche Ideen aus.
Neben den Praxisbeispielen bot der Abend auch Raum für den direkten Austausch mit Fachleuten der Agentur für Arbeit, des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung sowie der Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber, kurz EAA. Wie der Westerwald Guide im Vorfeld berichtete, waren außerdem Expertinnen und Experten der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer eingebunden. Sie alle beraten Betriebe zu Fördermöglichkeiten bei Einstellung und Beschäftigung und bieten ganz praktische Unterstützung bei der Umsetzung an. Genau das macht den Unterschied zwischen einer guten Idee und einem Arbeitsplatz, der tatsächlich entsteht.
„Fachkraft Inklusiv“ fand damit bereits zum dritten Mal statt. Wer tiefer einsteigen möchte, findet auf der Website fachkraft-inklusiv.de weiterführende Informationen sowie zwei Videobeiträge, die den beruflichen Alltag von Sophia Kirst und Markus Dreydoppel zeigen.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses Abends: Inklusion ist kein großes Programm, das von oben verordnet wird, sondern entsteht dort, wo Menschen sich trauen, einen ersten Schritt zu gehen. Eine Stadtverwaltung, ein Kindergartenteam, ein Integrationsbegleiter, der dranbleibt. Wer weiß, vielleicht ist genau das der Anfang, den auch der ein oder andere Betrieb in unserer Region gerade braucht.






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