
Am 18. Oktober liest Jürgen Fritsche Weltliteratur auf Schloss Schaumburg. Dazu: wie junge Kunst im Sommer die historischen Räume des Schlosses belebte.
Balduinstein ist nicht groß. Aber oben, auf dem Weg über den Parkplatz hinauf zur Schaumburg, passiert gerade einiges, das über die Ortsgrenze hinaus Kreise zieht. Das Schloss, seit mehr als zehn Jahren Stück für Stück aus seinem Dornröschenschlaf geholt, wird zur Bühne – mal für zeitgenössische Kunst, mal für die großen Stoffe der Weltliteratur. Wer hier oben steht und auf die alten Mauern schaut, versteht schnell, warum sich Künstlerinnen und Künstler genau diesen Ort aussuchen. Geschichte liegt hier nicht unter Glas, sie atmet noch.
Am Sonntag, 18. Oktober 2026, öffnet sich das Mineralienkabinett der Schaumburg für einen literarischen Nachmittag. Um 17 Uhr beginnt dort die Lesung „Meisterwerke der Weltliteratur“ mit dem Hörbuchsprecher Jürgen Fritsche. Ausgewählte Erzählungen, Dramen, Balladen und Texte der Schauerromantik sollen in dem stimmungsvollen Raum ihre Wirkung entfalten – genau die Mischung aus Klassikern und literarischen Entdeckungen, die einen Herbstnachmittag trägt.
Veranstalter ist der KULTURvereinT Balduinstein e.V., der mit dieser Lesung sein Herbstprogramm auf Schloss Schaumburg fortsetzt. Fritsche gilt mit mehr als 1.000 Hörbuchproduktionen als erfahrener Sprachkünstler, der Texte mit Sprachkunst, Humor und Ausdruckskraft vorträgt. Der Eintritt ist frei, die Lesung läuft als Hutlesung – wer mag, lässt am Ende eine freiwillige Spende da. Für Snacks und Getränke ist gesorgt, und Gäste mit eingeschränkter Mobilität können einen Shuttle-Service vom Parkplatz zum Schloss nutzen.
Der KULTURvereinT Balduinstein versteht sich als Kulturmotor für die Region: Mit Konzerten, Lesungen und Ausstellungen will der Verein Menschen für Kunst, Musik, Literatur und Begegnung begeistern – und findet dafür mit der Schaumburg einen Ort, der selbst schon Geschichten genug zu erzählen hat.
Dass die Schaumburg Kunst und Geschichte zusammenbringt, zeigte sich bereits im Spätsommer. Wie die Zeitung Mittelhessen berichtete, belebte eine Ausstellung von elf jungen Künstlerinnen und Künstlern das Schloss: die „Schloss Schaumburg Summer Exhibition“, zu sehen in den Räumlichkeiten rund um das Café Marstall. Auf Einladung von Halil Ege, der seit 2014 als Bauleiter für die Renovierung der Schaumburg verantwortlich ist, wohnten die Kreativen drei Tage lang im Schloss und richteten ihre Werke selbst ein. Kuratiert wurde die Schau von Greta Fay und Marie Georgi, organisiert vom Künstlerkollektiv Whispering Fishes aus dem Rhein-Main-Gebiet, dem neben den Kuratorinnen auch Adrian Till Baczyk angehört.
Im Innenhof begrüßte Besucherinnen und Besucher laut Mittelhessen Tessa Trautmanns Arbeit „Do Better“, eine überdimensionale, auf Lkw-Plane gedruckte Fotografie einer Turnierschleife – ein Verweis auf den einstigen Hausherrn Erzherzog Stephan von Österreich, der im 19. Jahrhundert im Marstall seine ungarischen Pferde unterbrachte. In den Innenräumen folgten Ölgemälde von Tom Heller, der sich mit dem mathematischen Phänomen der „Befreundeten Zahlen“ beschäftigt, dazu zeitgenössische Landschaftsmalerei von Lennart Schweigert. Isabella Angioni, Enxhi Mehmeti und Fini Dubau setzten auf Objekte, Tomas Loureiro Goncalo arbeitete mit belichtetem Fotopapier. Besonders die Videoarbeit von Diana Baryshevska, die Impressionen der Restauration und des Verfalls der Schlossräume zusammenführte, griff das Thema des Ortes direkt auf. Dazu kamen ein Leporello von Lejla Jakupovic zum Thema Liebe, eine Projektion von Offert Albers mit 157 Einzelbildern eines Alu-Kratzers sowie die Sound-Installation „Sound Moped“ von Jan Vornholt, die zur Vernissage vom Musiker Laslo Chenchanna live bespielt wurde.
Lesung und Ausstellung haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam – Hörbuchsprecher trifft auf junge bildende Kunst, Schauerromantik auf Gegenwartsmalerei. Und doch verbindet beide Formate derselbe Gedanke: Die Schaumburg ist kein stilles Museum, sondern ein Ort, der genutzt werden will. Das Café hofft laut Mittelhessen auf zusätzliche Besucher, die sich das Schloss anschauen, die Künstlergruppe wiederum freut sich, wenn sich jemand Zeit nimmt, in die Welt ihres Schaffens einzutauchen. Genau dieses Geben und Nehmen prägt offenbar auch das Herbstprogramm des KULTURvereinT Balduinstein, das mit der Lesung am 18. Oktober fortgesetzt wird.
Für alle, die in der Rhein-Lahn-Region unterwegs sind, lohnt sich also ein zweiter Blick auf die Schaumburg – nicht nur wegen der Aussicht vom Weg hinauf, sondern wegen dem, was drinnen gerade entsteht. Ein Nachmittag mit Weltliteratur im Mineralienkabinett, umgeben von Mauern, die selbst schon einiges erlebt haben: Das ist kein schlechter Grund, den kurzen Fußmarsch auf sich zu nehmen.






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