
Kristina feierte am Theater Koblenz die deutsche Erstaufführung: ABBA-Musik von Andersson und Ulvaeus trifft auf ein 40-köpfiges Orchester und starken Chor.
Mamma Mia kennt jeder. Chess kennen viele. Aber dass Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die beiden Männer hinter ABBA, noch ein drittes großes Musiktheater-Werk geschrieben haben, wissen selbst eingefleischte Fans oft nicht. Wie die Musicalzentrale berichtet, feierte „Kristina från Duvemåla“ aus dem Jahr 1995 unter dem Titel „Kristina“ am Samstag, den 31. Oktober, seine deutsche szenische Erstaufführung – und zwar nicht in Berlin, nicht in Hamburg, sondern bei uns am Theater Koblenz. Wer hätte das gedacht?
Vorausgegangen waren dem Ganzen drei konzertante Voraufführungen im November 2025, bevor das Stück nun seinen Weg auf die große Bühne fand. Die Geschichte dahinter: Mitte des 19. Jahrhunderts zwingen Not, religiöse Intoleranz und fehlende Perspektiven eine Gruppe schwedischer Dorfbewohner dazu, ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück in Amerika zu suchen. Grundlage ist das vierbändige Romanepos von Vilhelm Moberg, das zwischen 1949 und 1959 entstand. Im Zentrum steht die junge Kristina, gespielt alternierend von Laura Araiza Inasarids und Elena Franke, an ihrer Seite Karl Oskar, verkörpert wechselweise von Tobias Bieri und Markus Schneider.
Was ein Musical wie dieses ausmacht, zeigt sich nicht nur in der Handlung, sondern vor allem im Klang. Das Theater Koblenz hat in den letzten Proben vor der Premiere genau das in den Mittelpunkt gerückt: das Zusammenspiel von Bühne, Gesang und Orchester. Bei den sogenannten Bühnenorchesterproben wurden szenisches Spiel, Gesang und Orchesterbegleitung erstmals miteinander verbunden, bevor die Orchesterhauptprobe das gesamte Stück unter späteren Vorstellungsbedingungen durchspielte – mit Kostümen, Licht und Maske.
Und dieser Klang hat es in sich. Schon die Ouvertüre beginnt mit einem Effekt, der aufhorchen lässt: Ein Horn antwortet von der einen Seite des Theaterzelts, ein zweites plötzlich aus einem ganz anderen Winkel. Dieser „Ruf aus der Ferne“ greift gleich zu Beginn das zentrale Thema des Stücks auf – die Sehnsucht nach einem fernen Land und einer besseren Zukunft. Später, wenn Kleinbauer Karl Oskar die steinige schwedische Erde bestellt, kommentiert das Orchester seine vergebliche Mühe mit hämmernden Amboss-Schlägen. Bei der Hochzeit mit Kristina spielt die Musik im Stil einer schwedischen Tanzkapelle, während der Überfahrt nach Amerika mischen sich Schiffspfeifen unter den sinfonischen Klang.
Für ein Musical ist das Orchester vergleichsweise groß besetzt. Musikalischer Leiter Karsten Huschke erklärt, dass der Orchestrator das Stück eigentlich für etwa 25 Musikerinnen und Musiker angelegt hat – in Koblenz spielen jedoch 40 Musiker mit, vor allem weil der Streicherapparat deutlich vergrößert wurde. Die ursprünglich für neun Streicher gedachte Partitur wird durch synthetische Streichersounds ergänzt, sodass ein Mix aus Live- und Synthetik-Klängen entsteht. Für die Feinabstimmung dieses Klangbilds sorgt Tonmeister Arne von Schilling, den Huschke als „41. Musiker“ bezeichnet, weil die klangästhetische Verantwortung zu einem großen Teil bei ihm liegt.
Auch der Chor hat in „Kristina“ alle Hände voll zu tun. Mit zwanzig Nummern ist er stark eingebunden, muss summen, Vokalisen singen und auch mal rufen. Während der Dampfschifffahrt über den Atlantik imitiert der Chor das Chaos der Reise sogar durch eine schnellgesprochene Folge von Ortsnamen. Chordirektor Lorenz Höß, der bei acht der vierzehn Vorstellungen selbst dirigiert, hebt besonders die Orchestration von Anders Eljas hervor. Der schwedische Musiker kennt Andersson und Ulvaeus bereits aus deren ABBA-Zeit und zeichnete auch für die Orchestration von „Chess“ verantwortlich. Vor der Premiere war Eljas in Koblenz zu Gast, um das Team mit Hintergründen zur Entstehung des Stücks zu unterstützen.
Besonders deutlich wird die Wucht der Produktion, sobald die Auswanderer in New York ankommen: Die Bühne füllt sich binnen Sekunden mit wohlhabenden Amerikanerinnen und Amerikanern, Suffragetten und Straßenverkäufern. Die Tradition der großen Musicals der Achtzigerjahre mit ihren epischen Handlungen und spektakulären Bildern ist hier klar erkennbar. Gleichzeitig bleibt das Stück emotional: Immer wieder taucht das Bild eines Apfelbaums auf, der auch im Logo des Musicals zu finden ist – er steht für Kristinas Sehnsucht nach ihrer schwedischen Heimat und zugleich für den Versuch, in der neuen Welt Wurzeln zu schlagen.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Koblenz zum deutschen Erstaufführungsort für ein derart aufwendiges ABBA-Erbe wird? Für alle, die Musik lieben, die zwischen Sinfonik und Rock pendelt, lohnt sich ein Blick auf den Spielplan des Theaters. Und wer demnächst am Deutschen Eck vorbeiläuft und zufällig die Melodie eines schwedischen Auswandererliedes im Kopf hat – der war vielleicht schon drin.






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