
Von ABBA-Legenden Benny Andersson und Björn Ulvaeus: Das Musical Kristina feierte in Koblenz Premiere.
Wer bei ABBA nur an Glitzeranzüge und Tanzflächen-Hymnen denkt, kennt die andere Seite von Benny Andersson und Björn Ulvaeus noch nicht. Die beiden haben nach ihrem Musicalerfolg „Chess“ ein zweites großes Bühnenwerk geschaffen: „Kristina från Duvemåla“, zu Deutsch „Kristina aus Duvemåla“. Das Stück erzählt, gestützt auf vier Romane von Vilhelm Moberg, die Geschichte einer Frau, die mit ihrer Familie im 19. Jahrhundert von Schweden nach Amerika auswandert. Uraufgeführt wurde es 1995 in Malmö, wie Wikipedia dokumentiert. Jetzt hat dieses Musical-Epos einen festen Platz in Koblenz gefunden – und das ist mehr als eine Randnotiz für die Region.
Die Verbindung zwischen Koblenz und „Kristina“ ist nicht über Nacht entstanden. Schon am 1. Januar 2024 erklangen laut Wikipedia zwei Titel aus dem Werk – Prolog und Skördefesten – als deutsche Erstaufführung beim Neujahrskonzert des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie. Zwischen dem 22. November und dem 20. Dezember 2025 folgten drei konzertante deutschsprachige Aufführungen am Koblenzer Stadttheater. Die eigentliche Erstaufführung als vollständig inszeniertes Musical feierte dann am 31. Oktober 2026 Premiere, ebenfalls in Koblenz. Für die deutsche Fassung sorgten Udo Brinkmann, der die Liedtexte übertrug, und Andreas Wahlberg, der das Skript verantwortete.
Das klingt erst einmal nach einer langen Geschichte voller Zwischenschritte. Aber genau das macht deutlich: Koblenz hat sich dieses Stück nicht einfach eingekauft, sondern über Jahre hinweg erarbeitet. Wer früh aufsteht, hat den Rhein für sich – und wer sich für Kultur interessiert, hat seit diesem Herbst ein Stück Musicalgeschichte direkt vor der Haustür.
Wie viel Arbeit in so einer Produktion steckt, zeigt ein Probenbesuch des Theaters Koblenz wenige Tage vor der Premiere. Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens durfte bei den Endproben dabei sein und beschreibt in seinem Blogbeitrag für das Theater Koblenz, wie dort alle Elemente zusammenfließen: Orchester, Gesang, Bühnenbild, Licht und Technik. Besonders die Bühnenorchesterprobe und die anschließende Orchesterhauptprobe gelten als entscheidende Schritte, bei denen zum ersten Mal alles so läuft wie später vor Publikum.
Die Klangwelt des Stücks ist dabei alles andere als eindimensional. Glocken, Schiffspfeifen, Schlittenglöckchen – das Orchester erzeugt laut dem Theater Koblenz eine Vielfalt an Effekten, die die Handlung unterstreichen. Wenn Kleinbauer Karl Oskar versucht, den kargen schwedischen Boden zu bestellen, kommentiert das Orchester seine vergeblichen Versuche mit hämmernden Amboss-Klängen. Später, auf dem amerikanischen Schaufelraddampfer, mischen sich Schiffspfeifen unter den sinfonischen Klang – ein Detail, das Chordirektor Lorenz Höß gegenüber dem Theater Koblenz als Beispiel für die vielen „tollen Farben“ der Partitur nennt.
Verantwortlich für die Orchestration zeichnet Anders Eljas, der Andersson und Ulvaeus noch aus der gemeinsamen ABBA-Zeit kennt und bereits „Chess“ orchestriert hat. Wie das Theater Koblenz berichtet, war Eljas selbst vor Ort, um das Produktionsteam mit Hintergründen zur Entstehung des Stücks zu versorgen – etwa zum Einfluss von Komponisten wie Ravel oder Tschaikowsky auf einzelne Nummern. Musikalischer Leiter Karsten Huschke, der die Orchesterhauptprobe dirigierte, zieht laut dem Theater Koblenz sogar eine Linie zu Gustav Mahler: Der melodiöse, suchende Charakter vieler Nummern erinnere ihn an dessen Musik.
Besetzt ist das Orchester für ein Musical ungewöhnlich groß. Eigentlich sei das Stück für etwa 25 Musikerinnen und Musiker geschrieben, berichtet Huschke dem Theater Koblenz – in Koblenz spielen jedoch 40 Musizierende, ergänzt um einen vergrößerten Streicherapparat, der Live-Sound mit synthetischen Klängen kombiniert. Dazu kommt Tonmeister Arne von Schilling, der die Abmischung zwischen Gesang, Orchester und Soundeffekten verantwortet – eine Aufgabe, die Huschke laut Theater Koblenz mit der Rolle eines Dirigenten in Oper und Konzert vergleicht.
Auch der Chor ist in „Kristina“ kein Nebendarsteller. Mit rund zwanzig Nummern ist er, wie Lorenz Höß dem Theater Koblenz erklärt, durchgehend gefordert: Er summt, singt Vokalisen, muss rufen und während der Dampfschifffahrt sogar eine schnellgesprochene Folge von Ortsnamen imitieren, die die Überfahrt nach Amerika nachzeichnen. Die Kostüme von Christian Binz unterstreichen dabei die historische Kulisse des 19. Jahrhunderts, in der sich die Geschichte der schwedischen Auswanderer abspielt.
Hinter all der orchestralen Opulenz steckt eine Geschichte, die von Heimat, Verlust und Neuanfang erzählt. Dramaturg Andreas Wahlberg beschreibt gegenüber dem Theater Koblenz das Finale des ersten Aktes als einen Moment, in dem alles zentrale Thema des Stücks zusammenkommt: die Frage nach Heimat, christlich-biblische Motive und die Idee, trotz aller Schwierigkeiten zusammenzuhalten. Als wiederkehrendes Symbol dient dabei ein Apfelbaum – Kristinas Verbindung zu ihrer schwedischen Heimat und zugleich der Versuch, in der neuen Welt Wurzeln zu schlagen.
Das kennt ihr, oder? Dieses Gefühl, dass ein Ort gleichzeitig Erinnerung und Zukunft sein kann. Genau darum geht es in „Kristina“ – und vielleicht ist das auch der Grund, warum dieses Stück so gut nach Koblenz passt, einer Stadt, die selbst zwischen Fluss, Geschichte und Gegenwart lebt.
Von einer Konzertnummer beim Neujahrskonzert bis zur vollständigen Musical-Premiere: Koblenz hat sich „Kristina från Duvemåla“ über Jahre erarbeitet. Mit einem 40-köpfigen Orchester, aufwendigen Kostümen und der Expertise von Originalorchestrator Anders Eljas steht hier ein Stück auf der Bühne, das in der Tradition der großen Musicals steht – und das jetzt, mitten in der Region, zu erleben ist. Zuhause klingt manchmal nach 98.0, und manchmal eben auch nach einem Orchestergraben im Theaterzelt an der Mosel.






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