
Tobias Haberls Buch „Unter Heiden“ zeigt, wie Glaube heute aussehen kann – zwischen Zweifel, Zwängen der Moderne und stillen Gottesbeweisen im Alltag.
Wer heute in Deutschland gläubig ist, gehört nicht mehr zur Mehrheit. Manchmal muss man sich sogar erklären, warum man nach allem, was in der Kirche falsch gelaufen ist, überhaupt noch dort bleibt. Genau an diesem Punkt setzt Tobias Haberl an, Autor des Süddeutsche Zeitung Magazins, mit seinem Buch „Unter Heiden“. Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, beschreibt Haberl darin das Gefühl, als gläubiger Mensch in der heutigen Gesellschaft oft nicht mehr verstanden zu werden.
Das Interessante daran: Haberl beschönigt nichts. Die Fehler der Kirche verschweigt er nicht. Trotzdem erzählt er von der anderen Seite des Glaubens – dem Trost, dem Halt, der Hoffnung, die er darin findet. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung verteidigt er die Kirche dabei als orientierende Instanz in einer Welt, die selbst reichlich krisenhaft wirkt.
Ein Gedanke, der sich durch das Buch zieht: Auch ohne Gott stellt sich die große Freiheit nicht automatisch ein. Stattdessen entstehen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, neue Zwänge, neue Ängste, neue Süchte. Kurzfristige Befriedigung ersetzt dauerhaften Frieden. Seit Jahren diskutiert man, wie sich Kirche verändern muss, um im 21. Jahrhundert überhaupt noch anzukommen. Haberls Buch dreht diese Frage einfach um: Was könnte das 21. Jahrhundert eigentlich von gläubigen Menschen lernen?
Eine Frage, die man sich zugegebenermaßen nicht jeden Tag stellt. Aber vielleicht genau deshalb lohnt sie sich.
Woher kommt einem eigentlich der Glaube, wenn man ihn hat? Prof. Dr. Martin Balle ordnet in seiner Besprechung von „Unter Heiden“ Haberls Weg biografisch ein: Eine Kindheit im Bayerischen Wald, der Vater Landarzt, der keinen Weg zu seinen Patienten scheute und dabei auch die Gottesdienste nicht versäumte. Der Sohn begleitete ihn, auch zu sterbenden Patienten. Diese Prägung trägt, selbst als es den Sohn später in die Großstadt und zu ganz anderen Interessen zieht.
Besonders bemerkenswert laut Balle: Haberl verschweigt nicht, wie widersprüchlich sein eigener Alltag zu seinem Glauben steht. „Ich beichte, während ich sündige“, schreibt er. Ein Satz, der einem ganz Heiligen wohl kaum einfallen würde – und der das Buch laut Balle genau deshalb so lesbar macht.
Haberl erzählt, wie tief er die Freuden dieser Welt begehrt, und wie er trotzdem spürt, dass ihn das allein nicht sättigt. Balle zitiert eine Passage, in der Haberl beschreibt, wie ihm manche Tage zum Gottesbeweis werden: das Lächeln eines Fremden, ein Schwalbenschwarm, der plötzlich die Richtung wechselt, ein Kind, das einer Seifenblase hinterherjagt. Kleine Momente, die größer wirken, wenn man genauer hinschaut.
Gleichzeitig beschreibt Haberl laut Balle eine Gesellschaft, in der Menschen zunehmend als ökonomischer Faktor und immer seltener als Individuen mit eigenen Sehnsüchten wahrgenommen werden. Eine Welt, die ihm dann vorkommt „wie ein toter Ort, aufgeräumt, aber leblos, hübsch, aber vorhersehbar“.
Was bleibt also, wenn man diesen Beobachtungen folgt? Balle zitiert Haberl mit dem Satz, dass die Beziehung zu Gott gepflegt werden müsse – man müsse sie nicht verstehen, man müsse sie einfach tun. Tue man es nicht, habe man nicht nur das Gefühl, falsch zu leben, einem werde auch schlicht nicht geholfen. Eine pragmatische, fast nüchterne Sicht auf etwas, das oft so abstrakt diskutiert wird.
Auch das Lebensende bekommt bei Haberl, wie Balle beschreibt, eine andere Farbe: In jedem Ende liege ein Zauber, sogar im Tod. Das Unglück vieler Menschen bestehe darin, dass sie alles verlängern und ausdehnen wollen, statt zu spüren, dass der Zauber des Lebens gerade an seine Vergänglichkeit gebunden ist.
Balle bezeichnet „Unter Heiden“ als inspirierende Lektüre für die Vorweihnachtszeit – ein Buch, das man liest, wenn man ohnehin innehält. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Haberls Perspektive gerade jetzt Gehör findet: Sie stellt nicht die Kirche vor Gericht, sondern fragt andersherum, was eine durchgetaktete, digitalisierte Gesellschaft von Menschen lernen kann, die noch beten, zweifeln und trotzdem bleiben.
Man muss nicht gläubig sein, um sich von solchen Fragen anstecken zu lassen. Manchmal reicht es, sie einfach mal zuzulassen – auf dem Weg zur Arbeit, am Rhein entlang, oder bei einer Tasse Kaffee, bevor der Tag wieder losrattert.






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